Die Geschichte der Papierfabrik Scheufelen

Die Geschichte der Papierfabrik Scheufelen beginnt im Jahr 1855. In diesem Jahr pachtete Carl Scheufelen eine bereits seit 1769 bestehende und heruntergekommene Papiermühle in Oberlenningen an der Lauter. Er begann dort mit 5-6 Arbeitern die händliche Papierherstellung von Schreib- und Druckpapieren mit einer Menge von 2-3 Zentner ( 2,5 Zentner = 125kg) pro Tag. Im Jahr 1866 stellte er seine erste Papiermaschine, eine kleine Rundsiebpapiermaschine mit Dampfkessel und Dampfmaschine auf. Im Jahr 1876 kaufte er die erste Langsiebpapiermaschine für endloses Papier.


 Im Jahr 1892 übernahmen seine Söhne Adolf und Heinrich Scheufelen die Leitung der Firma. Adolf Scheufelen arbeitete zuvor bei der britischen Papierfabrik John Dickinson & Co.Ltd , die das "Art Paper" von den USA in England produzierten. Adolf Scheufelen wollte dieses neue "Art Paper" auch in Deutschland in der väterlichen Papierfabrik herstellen. Doch die Papierfabrik Scheufelen hatte zu den Alfagräsern, die man für die Herstellung des Art Papers brauchte, keinen Zugang. Also benutzte er deutschen Sulfitzellstoff und veredelte ihn durch eine Nachbehandlung mit Natronlauge. Im Jahr 1892 ging in der Papierfabrik Scheufelen in Oberlenningen die erste Streichmaschine auf dem europäischen Kontinent in Betrieb. Diese Streichmaschine wurde selbst gebaut. Auf ihr wurde das erste deutsche "Art Paper" hergestellt, das von Scheufelen "Kunstdruckpapier" genannt wurde. Es wurde ein voller Erfolg.


Da Adolf und Heinrich Scheufelen die Leitung der Firma übernommen haben, kümmerte sich Carl Scheufelen um eine Eisenbahnstrecke von Kirchheim unter Teck bis nach Oberlenningen. Diese Eisenbahnstrecke wurde im Jahr 1899 feierlich vom Württembergischen König eröffnet.


Adolf und Heinrich Scheufelen ließen ein Generalplan fertigen, der im Jahr 1900 fertig war und den Ausbau des Fabrikgeländes für die nächsten 30 Jahre programmieren sollte. Im Jahr 1903 wurde die PM2 eingebaut, die bis 2021 Papier produzierte. 10 Jahre später kam die PM3 hinzu. Gemeinsam mit der PM3 kam das Zeughaus hinzu, das direkt an das PM Gebäude an der Hauptstraße angrenzt. Im Jahr 1907 kamen Sozialbauten für die Mitarbeiter, wie eine Kantine hinzu. Im Jahr 1935 wurde ein 96 Meter hoher Stahlbetonschornstein gebaut. Dieser Schornstein steht heute noch und beträgt nach einer Kürzung eine Resthöhe von 81 Metern.


Während es 1. Weltkrieges stellte Scheufelen die Produktion um. Die Papiermaschine 1 stellte ab 1915 Zellstoffwatte für Verbandszwecke her, dann die Herstellung von Nitrierstoff. Ab Januar 1917 stellten die Papiermaschinen 1 und 2 täglich 12 Tonnen Nitrierstoff her. Die PM3 blieb bei den üblichen Papierstoffen. Am Ende des Krieges lief die Produktion normal weiter. Die PM1 wurde stillgelegt und die neue PM4 eingebaut.


Da Adolf Scheufelen im Jahr 1902 Paula Gossler aus Frankeneck heiratete, die aus einer pfälzerischen Papiermacherfamilie stammte, übernahm die Papierfabrik Scheufelen 1926 die Firma J.J Gossler in der Pfalz und machte es zum Zweigwerk.


Im selben Jahr 1926, wurde in Oberlenningen die Turn- und Festhalle mit angrenzendem Freibad eingeweiht, welche von der Firma Scheufelen gestiftet wurde.


Im 2. Weltkrieg musste die Produktion wegen Rohstoffmangels heruntergefahren werden, und im Jahr 1945 kam es fast zu einer Katastrophe. Die Soldaten waren bereits in Brucken angelangt, und würden bald nach Oberlenningen und zur Fabrik kommen. Die Papierfabrik Scheufelen lagerte zu diesem Zeitpunkt 15 Tonnen Chlorgas, die bei einer Beschädigung der Kessel explodieren und die Fabrik, Oberlenningen, das Lenninger Tal und alles andere in kilometerweitem Umkreis in die Luft sprengen können. Karl-Erhard Scheufelen, der 1903 geborene Sohn von Adolf Scheufelen, wusste das. Er musste etwas unternehmen. Sein Bruder Klaus H. Scheufelen wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen. Also ging er nach Grabenstetten, dort befand sich der Kommandant für dieses Gebiet. Dieser erkannte die Gefahr und befahl allen, Oberlenningen und die Papierfabrik Scheufelen im Umkreis von 500 Metern nicht zu verteidigen. Bis auf ein paar Handgranaten, die in die Schlosserei der Fabrik einschlugen und an der Nordseite die Gleisbrücke mit dem Laufkran zerschmetterten, ist nichts passiert. Karl-Erhard Scheufelen wurde zum Ehrenbürger von Oberlenningen ernannt.


Im April 1946 lief die Produktion wieder an. Es wurden Papiere für Schulbücher produziert.


Klaus H. Scheufelen hielt sich nach seinem Wehrdienst in den USA auf und arbeitete gemeinsam mit Wernher von Braun am Bau von Raketen. Im Jahr 1951 übernahm er die technische Geschäftsleitung der Papierfabrik Scheufelen. Im Jahr 1954 ging die PM5 in Betrieb.


Nach der Brandkatastrophe von Apollo 1 im Jahr 1967 wurde die Papierfabrik von der Nasa beauftragt, ein schwer entflammbares Papier herzustellen. Dieses Papier wurde dann in der Apollo Mondmission mitgeführt.


1973 wurde eine Umwandlung der Firma in eine GmbH + Co. KG beschlossen, um familienfremde Manager einbeziehen zu können.


Im Jahr 1981 wurde die PM6 gekauft. Da die Kosten so hoch waren, musste die Papierfabrik erstmals einen Sozialplan aufstellen und Häuser in Oberlenningen, die im Scheufelen Besitz waren, verkaufen.


Im Jahr 1984 übernahm Ulrich Scheufelen, der 1943 geborene Sohn von Klaus H. Scheufelen die Firmenleitung.

In den 2000er Jahren wechselte die Papierfabrik die Geschäftsführer mehrmals.


Im Juli 2008 meldete die Papierfabrik Scheufelen erstmals Insolvenz an. Mitarbeiter werden entlassen und das Unternehmen an Powerflute verkauft. Im Jahr 2014 meldete das Unternehmen erneut Insolvenz an. Wieder werden Mitarbeiter entlassen und die PM6 stillgelegt. Im Januar 2018 musste das Unternehmen erneut Insolvenz anmelden. Die 2018 gegründete Scheufelen GmbH übernimmt die Marken und Gebäude und konzentriert sich auf die Herstellung von weißen und grünen Papieren für den graphischen- und Verpackungsbereich. Im Jahr 2019 meldete die Scheufelen GmbH Insolvenz an. Die PM5 wird abgeschalten.  Die Nachfolgegesellschaft Silphie Paper produzierte ab 2020 grüne Papiere aus Grasfasern. Die Graspapiere wurden auf der im Jahr 1903 eingebauten PM2 produziert. Im August 2021 stellte Silphie Paper die Graspapierproduktion vollständig ein.


Das 250.000 Quadratmeter große Fabrikgelände mit den leerstehenden Hallen, wurde im Mai 2022 an die DLE Land Development GmbH (heute Periskop) verkauft. Das Entwicklungsunternehmen will alle Gebäude, welche nicht unter Denkmalschutz stehen, abreisen und das Gelände in ein Wohn und Arbeitsquartier umwandeln. Die überbaute Lauter soll renaturiert, also freigelegt werden. Zahlreiche Häuser sollen gebaut werden.